Wer durch die schwere Holztür des Oberen Wirtshaus tritt, betritt keinen gewöhnlichen Gasthof. Die Bohlen unter den Füßen, die geschwärzten Deckenbalken in der alten Bauernstube, das leise Knarzen der Treppe – hier hat sich in 380 Jahren vieles eingespielt, manches hat sich kaum verändert. Wir, die Familie Schwab, leben und arbeiten in einem Haus, das tiefer in der Geschichte des Langenordnachtals verwurzelt ist als so mancher Schwarzwälder Tannenstumpf.
Ein Haus, das älter ist als das Königreich Preußen
Wenn wir sagen, der Gasthof Hirschen hat eine 380-jährige Geschichte, dann bedeutet das: Dieses Haus stand bereits, als der Dreißigjährige Krieg zu Ende ging. Es stand, als die Postkutschenrouten durch den Schwarzwald eingerichtet wurden, als die ersten Sommerfrischler aus den Städten in die Schwarzwälder Täler kamen, und es steht heute noch – wenngleich nicht mehr mit denselben Wänden, die aber aus demselben Geist gebaut wurden.
Das Langenordnachtal war nie ein großes Handelstal, aber es war immer ein Tal, in dem Menschen lebten, wirtschafteten und rasteten. Der Gasthof – damals wie heute schlicht "beim Oberen Wirt" genannt – war für die Bauern und Holzfäller der Umgebung ein fester Punkt. Ein Ort, wo man einkehrte, nicht nur um zu essen und zu trinken, sondern um Neuigkeiten auszutauschen, Geschäfte zu besprechen, kurz: um gemeinschaft zu haben.
Was vom alten Geist geblieben ist
Natürlich hat sich in den Jahrhunderten vieles gewandelt. Das Haus wurde umgebaut, erweitert, den Zeiten angepasst. Und doch: Wenn ihr heute in unserer Bauernstube am Holztisch sitzt und das Frühstück bekommt, dann sitzt ihr in einem Raum, der seinen Charakter bewusst bewahrt hat. Keine Designermöbel, kein Hotel-Einheitslook. Sondern Holz, Wärme, der Geruch von frischem Brot und Kaffee.
Auch der Hof selbst ist kein Museumsstück, sondern lebt. Bei uns am Hof gibt es Rinder, Kälbchen, Pferde und Katzen – genauso wie es das auf einem Schwarzwälder Bauernhof seit Jahrhunderten gegeben hat. Die Tiere gehören zum Alltag, sie gehören zu uns. Wer morgens früh aufsteht, hört sie schon vom Zimmer aus. Wer abends auf dem Balkon sitzt, sieht sie auf der Weide. Das ist kein Programm, das ist schlicht unser Leben.
Einiges, was uns besonders am Herzen liegt:
- Die Bauernstube: Sie ist das älteste erhaltene Herzstück des Hauses. Hier frühstücken unsere Gäste, hier wird montags und sonntags aufgetischt.
- Der Name Hirschen: Gasthöfe mit Tiernamen haben im Schwarzwald eine lange Tradition – der Hirsch stand für Stärke, Wildheit und die Natur vor der Haustür. Beides gilt heute noch.
- Die Lage auf 850 m: Höhengasthöfe wie unserer waren früher wichtige Stationen für Fuhrleute und Wanderer. Die Aussicht ins Tal hat sich seit damals nicht verändert – ihr seht sie vom Balkon genauso, wie sie die Menschen vor 300 Jahren gesehen haben.
- Die Wirtschaft: Montags ab 18 Uhr und an jedem dritten Sonntag im Monat ab 15 Uhr ist bei uns geöffnet. Das ist wenig – aber es ist ehrlich. Wir kochen, wenn wir kochen können, und dann richtig.
Warum uns diese Geschichte etwas bedeutet
Wir sind nicht die erste Familie, die diesen Hof bewirtschaftet, und wir hoffen, nicht die letzte zu sein. Wenn Gäste zu uns kommen und sagen, hier fühle es sich an wie bei Großeltern auf dem Land – dann ist das kein Zufall. Es ist das Ergebnis von vielen Generationen, die diesen Ort gepflegt und weitergegeben haben.
Der Frühling ist für uns immer eine Zeit, in der das besonders spürbar wird. Die Weiden werden grün, die Kälbchen kommen auf die Weide, die Wiesen blühen im Langenordnachtal – und der Hof erwacht wieder. Genauso, wie er es Jahr für Jahr getan hat. Seit 380 Jahren.
Wenn ihr also das nächste Mal bei uns einkehrt oder ein paar Nächte bleibt, dann wisst ihr: Ihr seid nicht irgendwo. Ihr seid Teil einer langen Geschichte, die noch längst nicht zu Ende erzählt ist.